Functional Training – Mythen und Wahrheiten

Warum Functional Training ein Imageproblem hat

Ich bin leidenschaftlicher Personal Trainer und sehe im Functional Training für viele Menschen die Chance Schmerzen loszuwerden, neue Mobilität in allen Lebenslagen zu gewinnen und Performance im Sport und Alltag zu verbessern. In diesem Artikel will ich daher aufklären was Functional Training ist. Und was nicht. Was es kann. Und was nicht

Was ist Fuktionelles Training eigentlich?

Functional Training ist ein Trend und mehr und mehr in aller Munde. Wie viele Trends fristet es, betrachtet man sich die gesamte Fitnessindustrie, jedoch noch eher ein Nischendasein. Das führt zu der kniffligen Situation, dass es manche Experten dafür gibt, manche die den Begriff noch nie gehört haben und dazwischen eine große Grauzone an Leuten. Nämlich jene, die Functional Training bereits gehört haben, jedoch kein genaues Bild davon haben.

Und genau in dieser Grauzone hat sich in den letzten Jahren eine für das Functional Training schlechte Eigendynamik entwickelt. Denn in dieser Gruppe gibt es manche schlichtweg falsche Auffassungen davon, was Functional Training ist. Diese werden jedoch wie bei einer Art stillen Post über das Hörensagen immer weiter verbreitet, sodass man als Trainer aus der Branche immer wieder gegen Mythen und falsche Wahrheiten ankämpfen muss. Leider ist dieses Imageproblem nicht nur durch Laien verursacht. Zum Teil bekannte und hochdekorierte Trainer verbreiten oft auch falsche Fakten über das Functional Training.

Deswegen will ich in diesem Artikel klären, was Functional Training ist. Und was nicht. Besonders mit den hartnäckigsten Mythen, die das Image der Branche kaputt machen, soll hiermit aufgeräumt werden!

Und damit beginnen wir auch gleich und gehen drei der größten Mythen über das Functional Training an.

Mythos 1: Functional Training findet auf instabilem Untergrund statt

Wohl der mit am weitest verbreitete Mythos. Immer wieder sieht und hört man von diversen Leuten, dass sie funktionelles Training betreiben. Spricht man sie dann genauer darauf an, bekommt man alle möglichen Übungsvarianten auf instabilen oder labilen Untergründen präsentiert. Wie dem Bosuball, Pezzibällen, oder weichen Kissen. Nicht falsch verstehen, solche Übungen können durchaus funktionell und Teil eines sinnvollen Trainings sein, wie später noch geklärt wird. Das Problem ist hier nur, dass diese Übungen nicht auf ein spezifisches Problem oder Trainingsziel hin gemacht werden. Sondern einfach so, denn „Trainieren auf dem Bosuball ist ja funktionell“. Das ohne Grund zu tun ist jedoch nicht funktionell und sehr oft einfach ineffizient genutzte Trainingszeit. Denn es entspricht nicht dem SAID Prinzip – Specific Adaption to Imposed Demand – auf das wir gleich noch genauer eingehen.

Mythos 2: Functional Training benutzt immer cooles Equipment

Auch folgende Situation erlebt man immer wieder: Equipment, das tatsächlich häufig im Functional Training verwendet wird, wird auf skurille Art und Weise Zweckentfremdet. Kettlebells oder Schlingentrainer wie das TRX zum Beispiel, werden entweder planlos benutzt oder in teils gefährlichen Übungen benutzt. Beides wird dann aber trotzdem als Functional Training dargestellt, denn man benutzt ja das zugehörige Equipment. Es gilt jedoch auch hier das Prinzip von gerade eben. Es sollte ein spezifisches Ziel damit verfolgt werden, das mit der Funktionsweise des Körpers im Alltag oder Sport zu tun hat. Oder ein Ziel, das auf die Wiederherstellung der normalen Funktion abzielt, nach einer Verletzung zum Beispiel. Mit einer Kettlebell explosive Übungen auf einer wackeligen Unterlage zu machen, ist dabei weder funktionell noch cool. Darüber hinaus besteht durchaus Verletzungsgefahr bei Geräten wie der Kettlebell oder dem TRX. Wenn sie falsch benutzt werden.

Mythos 3: Functional Training ist das Training von athletischen Bewegungen mit Zusatzgewicht.

Ich weiß beim besten Willen nicht, wer darauf gekommen ist, oder warum es Trainer gibt, die diese Meinung noch immer verfolgen. Aber um es ein für alle Mal klar zu stellen: Das Training einer Sport-Bewegung, wie dem Freistoß im Fußball oder dem Überkopfschlag im Tennis, mit Zusatzgewicht, ist weder funktionell noch sinnvoll. Im Regelfall ist es gefährlich sich dabei zu verletzen und im besten Fall macht man sich damit das spezifische Timing einer Bewegung kaputt. Wenn athletische Bewegungen gekräftigt werden sollen, dann mit normalem, funktionellem Krafttraining. Oder mit dem Körpergewicht unter den Bedingungen der Bewegung, um zum Beispiel die Koordination der Bewegung zu perfektionieren

Aber was ist Funktionelles Training denn nun?

Fangen wir mit der Wort Herkunft an. Funktionell bedeutet einen Zweck erfüllend und Training ist immer körperliche Arbeit auf ein bestimmtes Ziel hin. Also ist Functional Training ein auf ein bestimmtes Ziel hin angepasstes, zweckmäßiges Training. Nun kommt aber noch ein wichtiger Zusatz. Denn nach dieser Definition wäre das Training einzelner Muskeln nach Bodybuilding Methoden auch Functional Training, wenn ich es auf das Ziel Bodybuilding hin mache. Unter diesem Aspekt ist solches Training auch tatsächlich funktionell. In dem Functional Training, von dem wir reden, geht es aber um einen anderen Hintergedanken.

Geht man aber nach den Urvätern des modernen Functional Training, Gray Cook und Michael Boyle, handelt es sich um Training, das die natürliche Funktion des Körpers erhalten oder wiederherstellen soll. Mit dem Ziel die sportliche Leistung zu verbessern oder alltägliche Bewegungsfähigkeit zu erhalten. Das Ganze wird meist durch mehrere Gelenke umfassende Verbundübungen trainiert, die im dreidimensionalen Raum stattfinden. Diese Übungen spiegeln dabei meistens menschliche Grundbewegungsmuster im Ganzen oder Teilen wieder. Wenn Probleme bestehen, ist es aber oft auch sinnvoll einzelne Muskeln oder Gelenke isoliert zu trainieren, um sie dann wieder in ganzheitliche Muster integrieren zu können.

Spezifisches Training für spezifische Ziele

Aus diesem Grund ist das oben genannte SAID Prinzip beim Functional Training besonders wichtig. Denn der Körper ist sehr spezifisch, in der Art wie er sich auf Reize anpasst. Ob ich nun also die Schulter nach einer Verletzung für das Basketball spielen wieder fit bekommen will, die 100 Meter Zeit eines Sprinters verbessern will oder schlichtweg einem alten Menschen das selbstständige aufstehen wieder beibringen will. Alles sind natürliche, aber spezifische Funktionen des menschlichen Bewegungsapparates, auf die gezielt und mit teils deutlich unterschiedlichen Ansätzen hin trainiert werden sollte. Denn nur dann ergeben sich die gewünschten spezifischen Anpassungen im Menschlichen Körper. Es kann also durchaus mal sinnvoll sein, das stehen auf einem labilen Untergrund zu üben, wenn es einem funktionellen Zweck dient. Wenn dieser Untergrund im Sport oder Alltag zum Beispiel eine Rolle spielt. Oder wenn das Sprunggelenk rehabilitiert werden muss (hier zeigt sich tatsächlich ein sehr guter allgemeiner Effekt).

Functional Training ist also zielgerichtetes Training, das die natürliche Funktion im Alltag und Sport erhalten oder verbessern will. Natürliche Funktion bezieht sich dabei auf die Bewegungen und Funktionsweisen, für die sich unser Körper evolutionär entwickelt hat. Und damit ist selten das Balancieren auf einem Gymnastikball mit einer Kettlebell in der einen und einem Flexibar in der anderen gemeint.